Lange Zeit habe ich mich in erster Linie als Akupunkteurin verstanden – obwohl meine Ausbildung sowohl die Akupunktur als auch die chinesische Arzneitherapie in voller Tiefe umfasste. Die Kräuter waren immer Teil meines beruflichen Fundaments. Ich habe sie angewendet, verstanden und verantwortungsvoll eingesetzt. Und doch war es die Akupunktur, die mich innerlich am meisten berührte. Dort erlebe ich die Wirkung unmittelbar. Ich setze eine Nadel – und spüre direkt die Veränderung. Wenn etwas nicht stimmig ist, kann ich reagieren, Punkte anpassen, den Verlauf der Behandlung in diesem Moment beeinflussen. Diese Direktheit hat mir über die Jahre grosse Sicherheit gegeben – und viel Freude bereitet. Die Arbeit mit Kräutern verlangt eine andere Haltung. Ich analysiere, komponiere eine Rezeptur, verschreibe sie – und erst Tage später zeigt sich, wie präzise meine Einschätzung war. Diese zeitliche Verzögerung fordert mehr Geduld, mehr Vertrauen in den Prozess und eine noch feinere Beobachtung. Genau darin liegt für mich der nächste Entwicklungsschritt: Ich möchte die Kräuter mit derselben Selbstverständlichkeit und Leidenschaft praktizieren wie die Akupunktur. Fortbildungen in der Akupunktur reizen mich heute nicht mehr wie früher. Nach über 26 Jahren Praxis wird dort nicht mehr viel vermittelt, was ich nicht schon längst weiss. Deshalb habe ich mich entschieden, die chinesische Kräutertherapie noch einmal bewusst in den Mittelpunkt zu stellen. Seit Herbst 2024 besuche ich eine dreijährige, intensive Weiterbildung in chinesischer Kräutertherapie. Mein Lehrer ist Volker Scheid – Historiker, Akademiker und erfahrener Kräutertherapeut. Seine Art zu unterrichten ist für mich manchmal herausfordernd. Vieles wird nicht einfach erklärt, sondern muss erarbeitet werden. Gerade das schätze ich. Denn je mehr ich mich selbst hineindenke, desto lebendiger wird dieses alte Wissen. Kräuter wirken chemisch Chinesische Kräuter enthalten pharmakologisch wirksame Substanzen – also Stoffe, die im Körper messbare biochemische Prozesse auslösen. In diesem Sinn wirken sie chemisch. Gleichzeitig beschreibt die chinesische Medizin Kräuter über energetische Qualitäten wie Temperaturverhalten, Geschmack und Leitbahnbezug. Diese energetische Sprache hilft, ihre Wirkung im System der TCM einzuordnen. In meiner praktischen Arbeit verbinde ich beide Ebenen: Ich denke in Mustern und energetischen Zusammenhängen – und bin mir zugleich bewusst, dass ich mit konkreten Inhaltsstoffen arbeite, die physiologische Reaktionen auslösen. Die Akupunktur reguliert primär über energetische Prozesse den Fluss von Qi. Kräuter hingegen greifen zusätzlich auf stofflicher Ebene ein. Genau diese unterschiedliche Wirkebene macht die Kombination beider Therapieformen für mich so spannend. Qualität, Herkunft und Verantwortung Kräutertherapie ist in der Schweiz nicht nur fachlich anspruchsvoll, sondern auch kostenintensiv. Die Preise sind höher als in vielen anderen Ländern – gleichzeitig ist die Qualität entsprechend hoch. Die Kräuterchargen werden sorgfältig geprüft und kontrolliert. Rückstände, Identität, Reinheit und Qualität werden getestet. Viele Patient:innen haben Vorbehalte gegenüber chinesischen Produkten, insbesondere wegen Umweltbelastungen oder Produktionsbedingungen. Diese Bedenken teile ich und nehme ich sehr ernst. Genau deshalb arbeite ich mit spezialisierten Firmen, welche ich persönlich kenne, die transparent und qualitätsorientiert arbeiten. In der chinesischen Arzneitherapie werden traditionell pflanzliche, mineralische und auch tierische Substanzen verwendet. In der Schweiz sind nur jene tierischen Produkte erhältlich, die ethisch vertretbar und gesetzlich zugelassen sind. Ich selbst lebe aus ethischen Gründen vegetarisch und setze tierische Produkte nur sehr zurückhaltend ein. In bestimmten Situationen können jedoch einzelne Substanzen – beispielsweise Insekten bei bestimmten neurologischen Mustern wie nach einem Schlaganfall – therapeutisch sehr wirkungsvoll sein. In der TCM-Sprache spricht man davon, dass sie Leitbahnen „reinigen“. Solche Entscheidungen treffe ich bewusst und verantwortungsvoll! Muster statt Diagnose In der TCM gibt es keine isolierte Diagnose wie im westlichen Sinn. Wir denken in Mustern. Zwei Menschen mit derselben Erkrankung können völlig unterschiedliche Muster zeigen – und deshalb unterschiedliche Kräuter benötigen. Im Gespräch, über Puls und Zunge, durch Beobachtung und Erfahrung entsteht nach und nach ein Bild. Manchmal fühlt es sich an wie Detektivarbeit. Man sammelt Hinweise, gewichtet sie, ordnet sie ein. Und dann beginnt der kreative Teil. Traditionelle Rezepturen – lebendig weitergedacht Es gibt Rezepturen, die seit Jahrhunderten angewendet werden. Doch ich übernehme sie nicht einfach unverändert. Ich arbeite mit der Idee einer klassischen Konstruktion – und passe sie an den Menschen vor mir an. Manche Kräuter ersetze ich, andere lasse ich weg, wieder andere ergänze ich. Einzelkräuter verschreibt man praktisch nie. Denn wir behandeln nicht nur ein Symptom, sondern ein Muster – oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig, zum Beispiel Fülle und Leere, Aussen und Innen, Kälte und Hitze. Für jede Patient:in entsteht so eine individuelle Mischung. Diese lasse ich bei spezialisierten Firmen herstellen (z.B. Dr. Noyer, Complemedis oder Lian). Die Mischung wird dort zusammengestellt und an eine Vertragsapotheke geschickt, wo sie abgeholt werden kann. Ich arbeite mit verschiedenen Darreichungsformen:
Schritt für Schritt anpassen Die erste Rezeptur verschreibe ich in der Regel für sieben bis zehn Tage. Danach schauen wir gemeinsam:
Die Ausarbeitung und Anpassung der Rezeptur verrechne ich nach Aufwand. Wenn es sich gut in die Behandlung integrieren lässt, erledige ich es direkt während der Sitzung. Bei komplexeren Anpassungen arbeite ich im Anschluss daran weiter. Warum mich die TCM nach über 30 Jahren immer noch begeistert Die TCM ist für mich Wissenschaft, Erfahrung – und auch Kunst.
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AuthorIch arbeite schon mein ganzes Leben im medizinischen Bereich und es bereitet mir immer noch sehr viel Spass. :-) Archives
März 2026
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